Zukunftsfestival Halle (Saale)
Am Wochenende war ich auf dem Zukunftsfestival in Halle an der Saale. Ich konnte dort viele spannende Methoden kennenlernen, ausprobieren und vor allem erleben, wie unterschiedlich Räume für Austausch gestaltet werden können.
Besonders eindrücklich war für mich die sogenannte Living Library. Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach und trotzdem ziemlich besonders: Man leiht sich keine Bücher aus, sondern Menschen und ihre Geschichten. Menschen werden für eine gewisse Zeit zu „lebenden Büchern“. Man kommt miteinander ins Gespräch, darf Fragen stellen und hört Perspektiven, die einem sonst vielleicht nicht begegnet wären. Genau darum geht es bei der Methode auch: Vorurteile abbauen, Begegnung ermöglichen und Gespräche schaffen, die im Alltag viel zu selten stattfinden.
Ich konnte dort Fragen stellen, die ich sonst wahrscheinlich nicht gestellt hätte. Und ich konnte Geschichten hören, die nicht glatt erzählt waren, sondern persönlich, ehrlich und manchmal auch unbequem. Genau das hat die Methode für mich so stark gemacht.
Aus Fehlern lernen
Ein zweites Format, das mich sehr beschäftigt hat, war die Fuck-Up-Night.
Fuck-Up-Nights kommen ursprünglich aus der Start-up- und Gründungsszene. Also aus diesem Bereich kleiner, neuer Unternehmen, die gerade erst entstehen, Ideen ausprobieren, wachsen wollen und manchmal eben auch scheitern. Bei Fuck-Up-Nights erzählen Menschen öffentlich von Fehlern, gescheiterten Projekten oder Entscheidungen, die nicht funktioniert haben. Nicht, um Fehler zu feiern. Sondern um aus ihnen zu lernen und um anderen vielleicht den einen oder anderen Umweg zu ersparen. Es geht darum, Scheitern zu verstehen, daraus zu lernen und die Widerstandskraft der Menschen sichtbar zu machen, die danach weitergemacht haben.
Das klingt erst einmal sehr weit weg von Politik.
Denn Fehler sind nicht unbedingt das, was wir von Politiker*innen häufig hören. In der Politik scheint es oft wichtig zu sein, immer den besten Weg gegangen zu sein, die richtige Lösung zu präsentieren und auch dann sicher aufzutreten, wenn etwas vielleicht gar nicht so gut läuft wie geplant. Gerade öffentlich Fehler einzugestehen, kann riskant wirken. Niemand möchte angreifbar sein. Niemand möchte kurz vor einer Wahl Material liefern, das gegen die eigene Person verwendet werden kann.
Und trotzdem standen dort Politiker*innen auf einer Bühne und sprachen über Fehler.
Also habe ich mich gefragt: Wie passt das zusammen? Eine Fuck-Up-Night mit Politiker*innen, noch dazu kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt?
Vielleicht erklärt es sich dadurch, dass es eben keine Fuck-Up-Night der Politik war, sondern eine Fuck-Up-Night für die Demokratie.
Denn Demokratie lebt nicht davon, dass immer alle perfekt sind. Demokratie lebt davon, dass Menschen streiten, ausprobieren, korrigieren, dazulernen und Verantwortung übernehmen. Sie lebt davon, dass nicht nur fertige Antworten präsentiert werden, sondern auch sichtbar wird, wie schwierig Entscheidungen manchmal sind.
Dazu passt auch ein Gedanke von Edmund Burke, der häufig als einer der Begründer des modernen Konservatismus beschrieben wird. Von ihm stammt der Satz: „A state without the means of some change is without the means of its conservation.“ Also sinngemäß: Ein Staat, der sich nicht verändern kann, kann sich auch nicht erhalten. Veränderung ist also kein Gegensatz zu Stabilität. Sie kann sogar notwendig sein, damit etwas bestehen bleibt.
Und vielleicht ist genau das auch für Demokratie wichtig: zu schauen, was gut funktioniert und erhalten bleiben sollte, aber auch ehrlich zu benennen, was nicht funktioniert hat und verändert werden muss.
Dafür braucht es aber nicht nur Politiker*innen, die den Mut haben, Fehler einzugestehen. Es braucht auch uns als Gesellschaft. Denn wir sind oft sehr schnell darin, Fehler anzuprangern. In Medien, in Kommentarspalten, in Gesprächen. Natürlich müssen politische Entscheidungen kritisiert werden. Natürlich braucht es Kontrolle, Öffentlichkeit und Verantwortung. Aber vielleicht müssen wir auch unterscheiden lernen zwischen Fehlverhalten, das Konsequenzen haben muss, und Fehlern, aus denen Menschen sichtbar lernen.
Gerade weil Politik heute für viele ein Berufsweg geworden ist, steht für Politiker*innen viel auf dem Spiel. Keiner von uns möchte im eigenen Beruf öffentlich vorgeführt werden. Gleichzeitig brauchen wir in der Politik Menschen, die nicht nur auf ihr eigenes Weiterkommen schauen, sondern auf das Wohl aller. Menschen, die neue Stimmen zulassen, zuhören, sich korrigieren und auch mal sagen können: Das hat so nicht funktioniert.
Dafür braucht es eine andere Fehlerkultur.
Spannend fand ich auch, dass auf der Bühne mehr Frauen als Männer saßen. Die Moderatorin sagte sogar, dass das wohl typisch sei. Offenbar fällt es Frauen häufiger leichter, öffentlich über Fehler zu sprechen. Ob das wirklich so ist, weiß ich nicht. Aber ich fand den Hinweis interessant. Vielleicht lohnt es sich auch darüber nachzudenken, wer sich überhaupt traut, Verletzlichkeit öffentlich zu zeigen und wer sich das politisch leisten kann.
Ich habe aus dem Wochenende mitgenommen: Wir brauchen mehr Räume, in denen Menschen ehrlich sprechen können. Über Erfahrungen, über Umwege, über Fragen, über das, was nicht geklappt hat.
Nicht, weil Fehler schön sind. Sondern weil Lernen demokratisch ist.
Eine Fuck-up-Night kann dabei ein kleiner, aber wichtiger Schritt sein. Sie erinnert uns daran, dass ein Umweg manchmal trotzdem zu guten Ergebnissen führen kann. Dass Menschen nicht perfekt sein müssen, um Verantwortung zu übernehmen. Und dass Demokratie vielleicht gerade dort stärker wird, wo wir nicht so tun, als hätten wir immer schon alles gewusst.
Quelle Zitat: Edmund Burke & the Politics of Reform | Issue 160 | Philosophy Now
