Was passiert, wenn Jugendliche nicht nur gefragt werden, was sie sich wünschen, sondern wirklich selbst entscheiden dürfen?
Genau darum ging es bei den „Mach was draus“-Projekten der Partnerschaft für Demokratie Nordsachsen. Die Idee dahinter ist einfach und stark zugleich: Junge Menschen erhalten ein Budget, überlegen gemeinsam, was sie damit verändern möchten, diskutieren verschiedene Vorschläge und treffen am Ende selbst eine Entscheidung. Begleitet werden sie dabei von Fachkräften der Jugendarbeit und der Koordinierungs- und Fachstelle. Die Entscheidung bleibt aber bei den Jugendlichen.
Im vergangenen Jahr wurde dieses Format an mehreren Orten in Nordsachsen umgesetzt. Dabei zeigte sich: Beteiligung funktioniert besonders gut, wenn sie konkret ist. Wenn es nicht abstrakt um „Demokratie“ geht, sondern um Fragen wie: Was fehlt uns gerade? Was würde unseren gemeinsamen Ort schöner machen? Was tut unserer Gruppe gut? Und was ist fair für alle?
Demokratie beginnt dort, wo junge Menschen ernst genommen werden
Eine Jugendgruppe aus Mörtitz setzte sich gemeinsam mit der mobilen Jugendarbeit und der Koordinierungs- und Fachstelle zusammen, um über die Weiterentwicklung ihres gemeinsamen Treffpunktes zu sprechen. In mehreren Gesprächsrunden wurden Ideen gesammelt, diskutiert und priorisiert.
Dabei ging es nicht nur darum, den Ort attraktiver oder gemütlicher zu machen. Es ging auch um die Frage, wie unterschiedliche Wünsche zusammengebracht werden können. Themen wie Musik, Lautstärke, Rücksichtnahme auf das Umfeld und der verantwortungsvolle Umgang mit gemeinschaftlich genutzter Ausstattung wurden offen besprochen.
Genau darin steckt ein wichtiger Kern demokratischer Beteiligung: Die eigene Meinung zählt. Aber auch die Perspektiven anderer zählen. Die Jugendlichen brachten ihre Wünsche ein, diskutierten mögliche Konflikte und übernahmen Verantwortung für ihren gemeinsamen Raum.
Sie erlebten, dass ihre Ideen ernst genommen wurden und sie ihr Umfeld aktiv mitgestalten können. Gleichzeitig stärkten die Gespräche das Miteinander, die Kommunikation und die Bereitschaft, Kompromisse zu finden.
Ein Budget und die Frage: Was ist fair für alle?
Auch eine Gruppe junger Menschen aus dem Raum Torgau entschied gemeinsam, wie ein Budget aus dem Jugendfonds eingesetzt werden soll. Die Jugendlichen waren zwischen 14 und 26 Jahre alt und brachten sehr unterschiedliche Alltagserfahrungen, Interessen und Bedürfnisse mit.
Der Einstieg war bewusst niedrigschwellig: eine lockere Runde, etwas Zeit zum Ankommen und die klare Botschaft, dass alle Ideen erstmal erlaubt sind. Gleichzeitig war schnell spürbar, dass die Entscheidung Bedeutung hatte. 1.000 Euro sind kein symbolischer Betrag, sondern eine Summe, mit der wirklich etwas möglich wird.
Nach einer offenen Ideensammlung blieben zwei große Richtungen übrig: eine gemeinsame Aktion für die ganze Gruppe oder Verbesserungen im Alltag, zum Beispiel durch Gestaltungsideen für gemeinsam genutzte Räume. Die Jugendlichen diskutierten, rechneten, wogen ab und überlegten, was für möglichst viele sinnvoll ist.
Am Ende fiel die Entscheidung eindeutig für eine gemeinsame Aktion. Die Begründung war klar: Davon haben alle etwas, unabhängig vom Alter. Besonders stark daran ist, dass persönliche Wünsche nicht einfach verschwanden, aber zugunsten einer gemeinsamen Lösung eingeordnet wurden. Beteiligung hieß hier nicht: Jede*r bekommt den eigenen Wunsch erfüllt. Beteiligung hieß: Wir entscheiden gemeinsam, was für die Gruppe am meisten Sinn ergibt.
Auch Ideen für ein besseres Ankommen neuer junger Menschen wurden mitgedacht. Das zeigt: Die Entscheidung blieb nicht nur im Moment, sondern hatte auch die Zukunft der Gruppe im Blick.
Aus Ideen werden konkrete Veränderungen
Eine weitere Jugendgruppe aus Nordsachsen beschäftigte sich mit der Frage, wie ein gemeinsam genutzter Raum besser gestaltet werden kann. Die Jugendlichen berieten, was wirklich fehlt, was mit dem Budget realistisch umsetzbar ist und welche Lösung den Bedürfnissen der Gruppe am besten entspricht.
Dabei entstanden Ideen für eine funktionalere und gemütlichere Raumgestaltung, neue Sitzmöglichkeiten und flexible Nutzungsmöglichkeiten. Wichtig war dabei nicht nur das Ergebnis, sondern vor allem der Weg dorthin.
Nicht jede erste Idee ließ sich genauso umsetzen, wie sie am Anfang gedacht war. Manche Vorschläge mussten angepasst werden, weil sie nicht stabil genug, nicht sicher genug oder mit dem Budget nicht realistisch gewesen wären. Statt dass Erwachsene diese Entscheidungen einfach vorgaben, wurden die Veränderungen in der Gruppe besprochen. Die Jugendlichen fanden gemeinsam realistische Lösungen und übernahmen Verantwortung für Planung und Umsetzung.
Das klingt erstmal nach Raumgestaltung. Tatsächlich wurde dabei aber demokratisches Handeln im Alltag geübt: Meinungen einholen, Argumente abwägen, Kompromisse finden, Sicherheit mitdenken und gemeinsam entscheiden.
Was alle Projekte verbindet
Die „Mach was draus“-Projekte waren unterschiedlich. Mal ging es um die Gestaltung eines gemeinsamen Ortes, mal um eine Gruppenentscheidung, mal um konkrete Veränderungen im Alltag junger Menschen. Gemeinsam ist ihnen aber ein klarer Kern: Jugendliche wurden nicht nur beteiligt, sondern bekamen echte Entscheidungsmacht.
Das macht einen Unterschied.
Denn Beteiligung bleibt für junge Menschen oft abstrakt, wenn sie keine sichtbaren Folgen hat. Bei „Mach was draus“ war das anders. Die Jugendlichen konnten erleben: Unsere Ideen verändern etwas. Unsere Diskussion führt zu einer Entscheidung. Unser Raum, unsere Gruppe oder unser gemeinsamer Alltag wird dadurch konkret beeinflusst.
Dabei wurden wichtige demokratische Kompetenzen gestärkt: zuhören, argumentieren, rechnen, abwägen, Verantwortung übernehmen, Rücksicht nehmen und eine gemeinsame Lösung finden. Auch ruhigere Jugendliche konnten sich einbringen. Unterschiedliche Altersgruppen kamen miteinander ins Gespräch. Konfliktpunkte wurden nicht ausgeklammert, sondern besprechbar gemacht.
Gleichzeitig wurde sichtbar, wie wichtig gute Begleitung ist. Fachkräfte der Jugendarbeit und die Koordinierungs- und Fachstelle haben Räume geschaffen, moderiert, unterstützt und bei Bedarf Fragen zur Machbarkeit gestellt. Sie haben aber nicht die Entscheidung übernommen. Genau diese Haltung ist entscheidend: Erwachsene geben Sicherheit und Rahmen, Jugendliche gestalten den Inhalt.
Kleine Projekte, große Wirkung
„Mach was draus“ zeigt, dass Demokratiebildung nicht immer als großer Workshop daherkommen muss. Manchmal beginnt sie am Tisch, zwischen Getränken, Ideenzetteln, Materiallisten und der Frage, was für eine Gruppe wirklich wichtig ist.
Gerade im ländlichen Raum können solche Formate viel bewirken. Gemeinsame Räume und Treffpunkte sind Orte, an denen junge Menschen Alltag miteinander teilen. Wenn sie dort erleben, dass ihre Meinung zählt und sie gemeinsam etwas verändern können, entsteht demokratische Selbstwirksamkeit genau dort, wo sie gebraucht wird: im unmittelbaren Lebensumfeld.
Die Rückmeldungen aus den Projekten zeigen deutlich, dass junge Menschen Lust auf weitere Beteiligungsprozesse haben. Weitere kleine Veränderungen, neue Ideen für Räume oder gemeinsame Aktionen sind bereits im Gespräch.
Und genau das ist vielleicht das schönste Ergebnis: Aus einem Projekt wird nicht nur ein neuer Raum, ein Ausflug oder eine bessere Ausstattung. Es entsteht die Erfahrung, gemeinsam etwas entscheiden und umsetzen zu können.
Oder kurz gesagt: Demokratie wird greifbar, wenn Jugendliche sagen können: Das haben wir gemeinsam entschieden. Das haben wir draus gemacht.
