Am vergangenen Samstag durfte ich die Jugendhilfe Obernjesa in Torgau besuchen – gemeinsam mit Jugendlichen aus weiteren Wohngruppen desselben Trägers. Wir wollten herausfinden, wie man gemeinsam
eine Summe von 1.000 Euro sinnvoll einsetzen kann. Ein Betrag, den sie sonst nie zur freien Entscheidung auf dem Tisch liegen haben.
Und genau deshalb war die Stimmung von Anfang an voller Energie, Aufregung und echter Neugier.
Wir haben uns gemütlich zusammengesetzt – Tee, Kaffee, Kekse – und sehr schnell war klar, dass die Jugendlichen sich wirklich auf das Format einlassen wollten. Die Ideensammlung sprudelte nur so: Von kreativen Vorschlägen bis hin zu Verbesserungen im WG-Alltag war alles dabei. Jeder Gedanke durfte ausgesprochen werden. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen die Jugendlichen sich nicht fragen mussten, ob ihre Idee „gut genug“ ist. Sie konnten einfach sagen, was ihnen wichtig ist.
Besonders beeindruckt hat mich, wie schnell die Gruppe in eine ernsthafte, selbstorganisierte Diskussion gefunden hat. Nach der ersten Euphorie begannen sie ganz von selbst, Argumente abzuwägen:
Was ist für alle nutzbar? Welche Ideen passen in ein gemeinsames Budget? Was stärkt uns als Gruppe? Was würde allen gut tun – unabhängig davon, ob jemand 14, 17 oder 26 Jahre alt
ist?
Es wurde gerechnet, überlegt, wieder verworfen, neu zusammengesetzt. Und das alles in einer Atmosphäre, die unglaublich respektvoll war. Jugendliche, die sonst eher ruhiger sind, wurden
eingeladen, ihre Gedanken zu teilen – und wurden ernst genommen. Andere haben bewusst zurückgesteckt, um die Gruppe weiterzubringen.
Sehr bemerkenswert fand ich die Rolle der Erzieherinnen. Sie waren aufmerksam, präsent und warmherzig, aber gleichzeitig bewusst zurückhaltend. Sie haben die Jugendlichen vollständig entscheiden lassen, ohne subtile Hinweise, ohne Richtungsvorgaben. Das braucht Vertrauen – und professionelle Stärke. Genau diese Haltung hat es ermöglicht, dass die Jugendlichen wirklich das Gefühl hatten: „Das hier ist unsere Entscheidung.“
Ich selbst war als KuF zur Moderation dabei, um die Diskussion zu strukturieren, wenn es nötig war, und um einen Rahmen zu schaffen, in dem jede Stimme gleichwertig zählt. Für mich war es unglaublich schön zu sehen, wie gut das Zusammenspiel zwischen mir, dem Team und den Jugendlichen funktionierte. Niemand hatte das Gefühl, gegen die Alltagsstrukturen der WG zu reden oder sich rechtfertigen zu müssen. Stattdessen entstand ein Raum, in dem Beteiligung nicht nur ein Konzept war, sondern gelebte Realität.
Am Ende stand die klar begründete gemeinsame Entscheidung, dass es ein gemeinsam geplanter Ausflug werden soll. Die Jugendlichen wollten bewusst etwas schaffen, das die Gruppe stärkt, Freude macht und allen gleichermaßen zugutekommt. Es war spürbar, dass es ihnen nicht darum ging, „irgendetwas Cooles“ zu machen, sondern darum, etwas zu planen, das die Menschen verbindet, mit denen sie ihren Alltag teilen.
Dieser Nachmittag hat mich wirklich begeistert. Nicht nur wegen des Ergebnisses, sondern wegen des Weges dorthin: der Ernsthaftigkeit, der Rücksichtnahme, der Offenheit und dem Mut, die eigenen Bedürfnisse zugunsten des Gemeinsamen zurückzustellen. Es war ein starkes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn Jugendliche echte Entscheidungsräume bekommen – und Erwachsene bereit sind, einen Schritt zurückzutreten.
Für mich bleibt dieser Tag ein kleines Highlight der Beteiligungsarbeit: ein Moment, in dem Demokratie nicht erklärt, sondern erlebt wurde. Und ich hoffe sehr, dass solche Formate häufiger stattfinden können. Die Jugendlichen haben klar gezeigt, dass sie es können – und dass sie es wollen.
